Konfirmandenunterricht
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„Ein Picasso werde ich wohl nicht mehr. Aber ist ja auch egal“, meint Engelbert und zeigt grinsend auf seine postkartengroßen Zeichnungen mit den farbenfrohen geometrischen Figuren. „Ich mache das auch aus Langeweile. Beim Malen bin ich wie in einer anderen Welt, werde nicht aggressiv und gerate auch mit niemandem in Streit“, erklärt der 67-Jährige am Freitagabend (9. Januar) während der Vernissage der multimedialen Ausstellung „Nomaden der Neuzeit“ im Kulturzentrum KuBa in Saarbrücken. Bis zum 23. Januar stellen hier Gäste der ökumenischen Wärmestube ihre Kunst aus. „In der Regel werden obdachlose und arme Menschen in erster Linie unter dem Blickwinkel ihrer Bedürftigkeit wahrgenommen. Die Ausstellung anlässlich des 30-jährigen Bestehens der Wärmestube zeigt ungewohnte und außergewöhnliche Einblicke in das Leben dieser ,Nomaden der Neuzeit‘. Sie zeigt ihre Kreativität, Schaffenskraft, Lebendigkeit und Talente“, sagt Stephan Manstein, erster Vorsitzender des Initiativkreises Wärmestube Saarbrücken e.V.
Neben Engelbert hat Sandra ihre kunstvollen Häkelarbeiten mit tunesischen Mustern ausgestellt. „Beim Handarbeiten gerate ich in ein Stricknirwana, das ist wie Meditieren“, erzählt die 53-Jährige. Vor 23 Jahren erlitt sie ein Trauma, verlor ihre Arbeit als Ergotherapeutin, Kind und Wohnung. „Ich fiel aus dem vollen Leben. Alles war weg.“ Das Stricken hilft ihr seitdem durch den Alltag. „Ich wünsche mir, dass die Ausstellung dazu beiträgt, dass sich der Blick auf Obdachlosigkeit und Armut verändert hin zu mehr Verständnis, Respekt und Solidarität“, sagt Regionalverbandsdirektorin Carolin Lehberger, die die Schirmherrschaft der Ausstellung übernommen hat. Kunst ermögliche einen Dialog, wo oft Distanz herrsche. „Kunst gibt denen eine Stimme, die im öffentlichen Diskurs zu selten gehört werden“, betont Lehberger. Sie sehe in der Ausstellung daher nicht nur ein künstlerisches Projekt, sondern auch ein Angebot an die Stadtgesellschaft, in den Austausch miteinander zu treten.
„Seit einem Jahr arbeiten wir an der Ausstellung“, berichtet die Saarbrücker Künstlerin Annette Orlinski, die die Kreativgruppen für Frauen und Männer der Wärmestube leitet. Sie versorgt die Gäste – pro Tag besuchen rund 120 Menschen die Wärmestube – mit den Materialien, unterstützt und begleitet sie bei der Gestaltung. Entstanden ist ein multimediales Projekt, das von Film über klassische Acrylmalerei, Fotografie, Modellbau, Rauminstallationen bis hin zu Zeichnungen, Graffiti und Audioformaten reicht. „Es ist wirklich ein Herzensprojekt. Ich danke allen Künstlerinnen und Künstlern für ihr Vertrauen“, sagt Orlinski. Viele Gäste der Wärmestube kostet es großen Mut und Überwindung, ihre Kunst der Öffentlichkeit zu zeigen. Bei vielen ist es die Angst vor Ablehnung, die sie im Alltag oft zu spüren bekommen. So auch Sascha, der kleine Miniaturwelten in Schachteln in der Größe eines Schuhkartons baut. „Bitte nicht fotografieren“ steht daher neben seinem Exponat „Australien“, das mit seinen winzigen, verschlungenen moosbegrünten Pfaden an das Auenland aus ,Herr der Ringe‘ erinnert.
„Schuhgeschichten“ lautet der Titel einer weiteren Installation. An der Wand hängen von Gästen bemalte Schuhe, dazwischen QR-Codes mit Audiostationen mit ihren Lebensgeschichten. „Einer von ihnen lebt leider nicht mehr“, sagt Orlinski, „der Tod ist unser täglicher Begleiter. Zu viele haben sich seit dem Sommer verabschiedet.“ Darauf macht auch das Zelt am Eingang aufmerksam – auf einer Glasplatte ist ein Totenkopf graviert. Große Umzugskisten stehen in der Raummitte – 50 Kilogramm passen hinein. „Wer auf der Straße lebt, schleppt seinen ganzen Besitz mit. Der passt ungefähr in eine solche Kiste“, erklärt Orlinski.
Höhepunkt der Vernissage ist eine Modenschau, bei der die Künstlerinnen und Künstler den rund 150 Gästen eine Auswahl der gespendeten Kleidung zeigen: „Darunter ist alles, was wir nicht gebrauchen können“, Orlinski: Seidennegligees, hochhackige Schuhe, Glitzerwesten aus der Faschingstruhe und immer wieder Pelzmäntel. „Manche misten einfach ihren Kleiderschrank aus und denken, sie tun etwas Gutes.“
Bei vielen Werken lohnt das genaue Betrachten. So findet sich mitten unter den Zeichnungen zum Thema „Helden der Kindheit“ nicht nur Gargamel und Pumuckl auch ein Kaninchen, das Donald Trump auf den Kopf kotzt. „Nomaden der Neuzeit“ zeigt jedoch nicht nur außergewöhnliche Werke, sondern erzählt von Wohnungslosigkeit und Armut und den täglichen Herausforderungen, die von den Gästen der Wärmestube bewältigt werden.
Info:
Die Ausstellung „Nomaden der Neuzeit“ ist bis zum 23. Januar im KuBa-Kulturzentrum am EuroBahnhof (Europaallee 25, 66113 Saarbrücken) zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag von 15 bis 18 Uhr.
Träger der Wärmestube ist der Initiativkreis Wärmestube Saarbrücken e.V. Als Organisationen arbeiten mit: Caritasverband für Saarbrücken und Umgebung e.V., Diakonische Werk an der Saar gGmbH, Evangelischer Kirchenkreis